Unterwegs

Ein Leben lang die Wände anderer Leute anstreichen? Nein, so hatte sich das Karl-Heinz Rabenseifner nicht vorgestellt. Es musste doch noch spannendere Dinge geben. Ja, die gab es, bei der DEFA. Und dafür musste er nicht einmal Pinsel und Farbe aus der Hand legen.

Renate ist ja nicht aus Watte. Gut, sie hat kein Auto. Und für einen Möbelkauf wäre ein Auto sicher dienlich. Zumal sie einige Kilometer zurückzulegen hat, von Nauen, wo sich das Möbelgeschäft befindet, bis nach Elstal. Doch erstens gibt es einen Bus. Und zweitens, was entscheidender ist, hat sie nur zwei geradezu lächerlich leichte Hocker zu transportieren. Aber jetzt steht er nun einmal vor ihr und bietet seine Hilfe an. Sie beschaut ihn sich aus dem Augenwinkel. Nein, es gibt nicht den geringsten Grund, einen so charmanten, so gut aussehenden jungen Mann vor den Kopf zu stoßen. „Renate“, sagt sie, und streckt ihm seine Hand entgegen. „Karl-Heinz“, antwortet er erfreut, und nimmt die ihre. Vor mehr als 56 Jahren.

Ulbrichts Unsinn

Renate, eine Biologie- und Chemielehrerin, war, vor dem Hockerkauf, gerade erst in Elstal angekommen. Aus Thüringen. Am 13. August 1961. An diesem 13. August hatte sie auf einem Berliner Bahnhof gestanden und nicht genau gewusst, wie sie nach Wustermark kommen sollte. Die Leute, die sie fragte, waren auch wahrlich mit anderen Dingen beschäftigt. Denn Walter Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ entfaltete in diesen Stunden gerade seine steinerne Wahrheit an den Grenzanlagen.
Karl-Heinz hingegen lebte bereits seit Kindertagen in Elstal. Ihn betraf der Mauerbau direkt. Denn zwei seiner Brüder wohnten in West-Berlin.

Sie waren zu siebt gewesen in der Familie, ein Mädchen, vier Jungs, Karl-Heinz der Jüngste, Vater und Mutter. Sie hatten sich mit zwei beengten Mansardenzimmern zu begnügen, bevor sie eine geräumigere Wohnung in der Eisenbahnersiedlung, einer heute denkmalgeschützten Gartenstadt mit eigener Kirche und Schule, mit Geschäften und Gaststätten, 1919 geplant für die Beschäftigten des Wustermarker Verschiebebahnhofs, einst einer der größten des Landes, bezogen.

Sandmännchen for you

Nach der Schule absolvierte er eine Malerlehre. Aber irgendwie hatte er sich die Sache anders vorgestellt: Für die nächsten Jahrzehnte von früh bis spät Wände zu streichen, erschien ihm wenig abwechslungsreich. Was tun? Er hatte von den Babelsberger DEFA-Studios gehört, und tatsächlich suchte die Abteilung für Dokumentarfilme Mitarbeiter. Karl-Heinz bewarb sich, und wurde genommen. „Wer weiß“, sagt er amüsiert, „hatte es ja doch etwas zu bedeuten, dass die DEFA an einem 17. Mai gegründet wurde. Denn der 17. Mai ist auch mein Geburtstag.“

Zehn Jahre lang kümmerte er sich um die Dekorationsarbeiten für „Unser Sandmännchen“; für die Kinderfilmreihe „Clown Ferdinand“, einem Spaßvogel mit flammend rotem Haar, einem überdimensionalen Taschentuch und selbstgebautem Wohnwagen; für „English for you“, einer Sendung des DDR-Bildungsfernsehens, in der „Mike and Anne“ über den Alexanderplatz oder „Jeff and Linda“ über den Trafalgar Square schlendern und den Ostdeutschen Schülern Englischlektionen erteilten.

Er fuhr zur Leipziger Messe und in Rinderzuchtanlagen, für Bauernkriegsfilme auf die Wartburg und unter Tage, in die Kupfererzbergwerke in Hettstedt, nach Polen, Ungarn und weit hinein in die frostigen Regionen der Sowjetunion, zu sibirischen Stahlwerken. Er war ununterbrochen unterwegs. Beweglichkeit in einem eher unbeweglichen Land. Für die Meisten nicht alltäglich. Aber diesen Alltag, keinen lahmen, sondern einen lebendigen, den hatte er ja obendrein. Mit Renate, mit seinem Sohn Mike, der inzwischen geboren worden war, mit dem Elstaler Haus, dem Swimmingpool im Garten, von ihm aus Feldsteinen gebaut, in dem alle Nachbarskinder das Schwimmen erlernten. Und er hatte die Kunst, die Malerei, ein Hobbyvergnügen.

Zwei Seiten

Was er nicht hatte, waren seine beiden Brüder. Denn die lebten hinter der Mauer. Schon, sie kamen ihn besuchen. Doch diese Besuche fanden naturgemäß nur in längeren Abständen statt, jedes Treffen zeigte nur umso deutlicher die Trennung. Manchmal, wenn die Brüder, auf dem Weg nach West-Deutschland die Transitautobahn durch die DDR zu nehmen hatten, verließen sie unterwegs einfach die vorgeschriebene Strecke, was strengstens untersagt war, und trafen sich heimlich mit Karl-Heinz. Brachten ihm Dinge, die in der Mangelwirtschaft rar oder gleich gar nicht aufzutreiben waren. Bestimmte Farben zum Beispiel, spezielle Pinsel.

Und dann kam der 9. November 1989. Diese Nacht. Überall Jubelrufe, Euphorie. Der erste Besuch in West-Berlin, bei Tante Lotte in Spandau. Aber Tante Lotte war nicht mehr die Jüngste, sie schlief bereits tief und fest, und als sie die Tür öffnete und vor der Tür plötzlich Renate und Karl-Heinz standen, verstand sie die Welt nicht mehr und fragte einigermaßen verdutzt: „Ach, wo kommt ihr denn her?“

Irgendwann fingen die Jubelrufe an zu verstummen. Die Treuhand löste das DEFA-Studio für Dokumentarfilme auf, den meisten Mitarbeitern wurde gekündigt, am Ende waren sie nur noch zu elft, in den Ateliers entstanden Werbefilme für quietschgelbe Fruchtsaftgetränke und dürre, blonde Plastikpuppen in pinkfarbenen, knappen Kleidern. So billig wie hier konnten die übermächtigen Werbefirmen nirgends produzieren.

Karl-Heinz suchte sich eine neue Aufgabe, bis zur Rente war es nicht mehr weit, und fand eine Bäckerkette, die großflächig Landschaften und Blumenarrangements an die Wände ihrer 40 Filialen gemalt haben wollte. Eine schöne Aufgabe, genau passend für Karl-Heinz. Er legte los: Blüten in allen Farbschattierungen, Mittelmeerpanoramen, die Toskana, und vor allem immer wieder Zypern.

Karl-Heinz und Renate lieben Zypern, Paphos, die Hafenstadt ganz im Südwesten der Insel. Mit dem mittelalterlichen Kastell, den Königsgräbern, der byzantinischen Kreuzkuppelkirche. Mit den Buchten, den Stränden, dem Wasser, dem Himmel. Jedes Jahr sind sie zusammen dorthin gereist, mindestens ein Mal, manchmal auch im Frühling und im Herbst. Von ihrem Bett aus konnten sie direkt auf das Meer blicken.

aufgezeichnet von Tatjana Wulfert im Servicewohnen des Immanuel Seniorenzentrums Elstal
 
 
 
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