Zusammen ist man weniger allein

Verharren, lamentieren, nur an sich selbst denken? Aber nein! Es gibt Wichtigeres. Es gibt die anderen. Die Menschen um einen herum. Brigitta S. weiß, dass das Glück nur dann zu einem kommt, wenn man es großzügig verteilt.

„Wie ich mich freue. Ja, treten Sie ein. Warten Sie, ich rücke Ihnen den Sessel zurecht. Eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser? Wissen Sie, seit einiger Zeit wird ja dort gegenüber gebaut, sehen Sie? Und irgendwann habe ich mitbekommen, dass die Dachdecker – fast alles Leute aus anderen Ländern – in ihrer Pause auf der Wiese essen. Also nein, dachte ich, so geht das nicht. Ich hab hier doch meine schöne Terrasse, warum sollen sie nicht da sitzen. Gesagt, getan, Geschirr raus, Kaffee aufgebrüht und die Dachdecker eingeladen. Die sollen doch das Gefühl haben, in diesem Land herzlich willkommen zu sein.“

Brigitta S., Spandauerin, 1,45 Meter („Früher war ich mal 1,53 Meter groß.“), wache Augen, wacher Verstand, weiß, wie es sich anfühlt, scheel angeschaut und hin und her geschoben zu werden. Damals, 1945, als sie 15-jährig, zusammen mit anderen Berliner Mädchen nach Niederbayern muss, als sie keiner aufnehmen will, sie dann schließlich bei einem Bauern unterkommen, der sie hart arbeiten lässt, und sie während all der Zeit nicht wissen, ob die Eltern die Bomben überlebt haben und die Eltern nicht wissen, ob die Töchter noch am Leben sind. „Am Abend legten wir uns zu zweit in ein Bett, haben uns aneinander geschmiegt, von den Eltern gesprochen und dann geweint.“

Von Satz zu Satz

Aber es ist nicht allein die Erinnerung. Es ist Brigitta S. tiefe, zutiefst empfundene Freundlichkeit den Menschen gegenüber. Sich alle naselang nur um sich selbst drehen? Ach, da gibt es doch wesentlich Wichtigeres! Als die Enkelkinder (insgesamt hat sie sechs, plus sieben Urenkel) flügge sind, Oma ihnen nicht mehr täglich das Mittagessen kocht oder sie in den Zeiten der Kinderkrankheiten hütet, findet sie, ihre Zeit verstreiche ein wenig nutzlos, trotz des Sportvereins, in dem sie turnt, trotz der wöchentlichen Kartenspielnachmittage. Sie wendet sich an ihre beiden Söhne: „Wir könnten uns doch öfter sehen?“, und noch während sie die Frage formuliert, schüttelt sie über sich selbst den Kopf: „Mann, denk ich, wie egoistisch. Die haben so viel zu tun, jetzt sollen sie sich auch noch um mich kümmern.“

Sie kümmert sich allein. Und zwar um andere. Um Schulkinder. Um jene, die das Lesen nur holprig erlernen. Drei Mal pro Woche macht sie sich nun auf den Weg in die Wustermarker Otto Lilienthal-Grundschule und setzt sich, am liebsten mit vier Kindern, das erscheint ihr die ideale Anzahl, in die Bibliothek. „Ich habe aber nicht einfach vorgelesen, darauf bestehe ich. Die Kinder haben gelesen, und wurden von Wort zu Wort, von Satz zu Satz besser.“ Zwischen den Leseeinheiten plaudern sie ein wenig, die Kinder sind ganz vernarrt in ihre „Leseomi.“

Eines Tages spricht sie ein Mädchen an: „Leseomi, ich will dir was erzählen.“ – „Aber ja.“ – „Nicht hier, da, wo es die anderen nicht hören.“ Sie gehen gemeinsam in den Flur. „Weißt du, gestern war ein schrecklicher Tag, Mama und Papa haben sich angeschrien, sogar eine Tür ist bei dem Krach kaputt gegangen, so dass ich weinend in mein Zimmer gelaufen bin.“ Brigitta S. streicht dem Mädchen mit der Hand über den Kopf. „Jeder streitet sich mal, auch Eltern, das kommt vor, das geht auch wieder vorüber. Bestimmt werden sie sich bald vertragen.“ Und plötzlich löst sich der sorgenvolle Gesichtsausdruck des Mädchens auf. Sie lächelt: „Das haben sie schon.“ Reden, erzählen, darum geht es.

HVL

2011 hört ein Mitarbeiter des Bundespräsidenten von der ehrenamtlichen Tätigkeit der Berlinerin, die 2002, nach 73 Jahren Spandau, ins Brandenburgische, in die Nähe einer ihrer Söhne gezogen ist. Sie erhält eine Einladung zum Sommerfest im Schloss Bellevue, „mit Begleitung“, wie es ausdrücklich heißt. „Also hab ich meinen 12-jährigen Enkel Martin mitgenommen.“ Das Fest ist schön, sie macht Fotos: Martin mit Christian Wulff, Martin mit Angela Merkel. Irgendwann wird es Zeit zu gehen. Ihr Sohn soll die beiden abholen. Er fährt mit seinem Auto vor die Residenz. „Stopp“, ruft ein Polizist mit scharfer Stimme, „hier geht’s nicht weiter für Sie, hier stehen nur Wagen, die die Gäste des Bundespräsidenten abholen.“ – „Na, deswegen sind wir ja da“, entgegnet ihr Sohn und rollt in eine Lücke.

Brigitta S. hat die größte Freude an der Geschichte. „Stellen Sie sich vor, nur dicke schwarze Schlitten auf diesem Parkplatz. Und dann steht dieses kleine Auto mit HVL, mit Havelländer Nummernschild, dazwischen.“

Bei Sonne, bei Regen

„Und Ihr Mann?“ – „Mein Walter ist 1998 gestorben. Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn 1948, bei einer Schulfreundin. Wir haben zusammen Karten gespielt und er erzählte mir von seiner Zeit bei der Marine und der Gefangenschaft in England. Wissen Sie, er hatte so eine natürliche Art, die mich gleich beeindruckte.“ Brigitta S. beugt sich ein wenig nach vorn. „Kaum war er weg, habe ich gleich mit meiner Freundin über ihn gesprochen. Und was sagte die? Er sei schon liiert! Na, da kam eine nähere Beziehung für mich natürlich nicht mehr in Frage.“ Sie lacht.

„Aber das war alles nur ein Irrtum. Meine Freundin hatte Walter mit seiner Schwester gesehen. Und eines Tages, als ich wieder einmal zu meiner Freundin fuhr und sie mich vom Bahnhof abholte, wer stand da neben ihr? Genau, Walter! Von da an waren wir unzertrennlich.“ Es folgen 50 Jahre Glück. Kleinere Höhen und Tiefen inbegriffen. Jeder streitet sich mal, auch Eltern, das kommt vor, das geht auch wieder vorüber. Sonst wüsste ja niemand, was das ist, das Glück.

Eine Sache, die hätte Brigitta S. gern anders gemacht in ihrem Leben, obwohl sie von jammerndem Bedauern weit entfernt ist. „Ich wollte nie ins Büro“, erzählt sie, „ich wollte eigentlich in die Landwirtschaft.“ Die Tiere, die Felder, die Arbeit draußen, bei Sonne, bei Regen. Sie hat tatsächlich eine Landwirtschaftsschule besucht, die Prüfungen abgelegt. Wie würden Sie einen Hühnerstall bauen?, lautet eine der Aufgaben und sie erhält ein „sehr gut.“

Aber der Krieg, das Durcheinander, die Not verhindern ihren Traum. Und so landet sie bei Siemens und später bei Bosch im Kundenservice für Hörgeräte, bleibt im Büro, bis zum Ruhestand. Doch gibt es ja den Campingplatz an der Havel und das Boot; es gibt die Sommerreisen nach Spanien und die Winterreisen in die Alpen; es gibt Walter und die Söhne und die Enkel und Urenkel. Es gibt dieses gelungene, lange, wache Leben.

aufgezeichnet von Tatjana Wulfert im Servicewohnen des Immanuel Seniorenzentrums Elstal
 
 
 
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